Was ist Autismus ?                                                        


Autismus gilt im Rahmen der Kinder- und Jugendpsychiatrie als schwere und umfassende Störung. Autistische Störungen sind gekennzeichnet durch tiefgreifende Beeinträchtigungen der gesamten Entwicklung, die bereits im Kindesalter beginnen und in deren Zentrum eine schwere Beziehungs- und Kommunikationsstörung steht. Hinzu kommen zahlreiche Verhaltensauffälligkeiten, die besonders für die Eltern im alltäglichen Umgang mit ihren Kindern sehr belastend sind.

Autistische Störungsbilder sind erstmals fast gleichzeitig von dem Kinderpsychiater Leo Kanner (1943) und dem Pädiater Hans Asperger (1944) beschrieben worden. Nach Kanner sind die Kardinalsymptome des kindlichen Autismus:
· die in frühester Kindheit beginnende Unfähigkeit zu sozialen Kontakten, Abkapselung von  der personalen Umwelt und
· schwerwiegende Veränderungsängste, die gekoppelt sind an ein zwanghaftes Bestreben
 nach Gleicherhaltung.

Die von Asperger beschriebenen Kinder konnten sich zwar alle sprachlich ausdrücken, fielen aber ebenso in ihren Veränderungsschwierigkeiten, eingeschränkten Interessen und dem Unvermögen auf, einen natürlichen Kontakt zu anderen Menschen herzustellen.

Nach heutigem Kenntnisstand liegt ein frühkindlicher Autismus (Kanner-Syndrom) vor, wenn
sich bestimmte Auffälligkeiten und Einschränkungen in folgenden Bereichen zeigen:
· qualitative Auffälligkeiten der sozialen Interaktion
· qualitative Auffälligkeiten der Kommunikation
· begrenzte, repetitive und stereotype Verhaltensmuster, Interessen und Aktivitäten

Beim Asperger-Syndrom zeigen sich ebenfalls qualitative Beeinträchtigungen der gegenseitigen sozialen Interaktion sowie ungewöhnliche, intensive und umschriebene Interessen oder begrenzte, repetitive und stereotype Verhaltensmuster, Interessen und Aktivitäten. Allerdings fehlt eine klinisch eindeutige allgemeine Verzögerung der gesprochenen oder rezeptiven Sprache oder der kognitiven Entwicklung.

Daneben gibt es eine Vielzahl von Störungsbildern, die nicht diesen beiden klassischen Syndromen
zugeordnet werden können, sondern bei denen nur einzelne Bereiche betroffen sind oder die nur durch einzelne autistische Verhaltenszüge auffallen. Darüber hinaus verwandelt sich auch das Erscheinungsbild mit fortschreitendem Alter.

Bei einem typischen Entwicklungsverlauf zeigen sich beim frühkindlichen Autismus schon Auffälligkeiten im Säuglingsalter. Autistische Kleinkinder haben nicht selten Probleme beim Essen und Schlafen und entwickeln selbststimulierende Verhaltensweisen.

Sie können zunächst keine Geste, kein Lächeln, kein Wort verstehen. Sie sind eher an Dingen, als an Personen interessiert. Selbst zu den eigenen Eltern wird keine gegenseitige Beziehung hergestellt. Einige ziehen sich in klassischer Weise in sich zurück, kapseln sich „autistisch“ ab, andere fallen durch nicht altersangemessene Kontaktaufnahme auf. Jede Veränderung in der Umwelt kann zu starker Erregung führen.

Autistische Kinder spielen nicht wie ihre Altersgenossen, sondern benutzen Spielzeug z.B. meist immer in gleicher, zweckentfremdeter Art und Weise. Es gibt einen Hang zu immer gleichen Handlungen und Stereotypien, z.B. drehen und kreiseln von Rädern, wedeln mit Gegenständen oder zerreißen von Papier. Sie zeigen kaum Rollenspiele und imitieren selten andere Menschen. Ohne therapeutische Hilfe bleiben sie oft in der Entwicklung stehen und lernen von selbst wenig neue Fähigkeiten. Viele autistische Kinder und Jugendliche bestehen zwanghaft auf ganz bestimmten Ordnungen oder können ihre Eltern zur Verzweiflung bringen durch exzessives Sammeln bestimmter Gegenstände, durch ihre Weigerung, bestimmte Kleidung zu tragen, durch Wiederholung der immer selben Verhaltensweisen oder sprachlichen Äußerungen.

Am schmerzlichsten empfinden es die betroffenen Eltern meist, daß sie ihre Kinder nicht verstehen können. Viele Kinder lernen nicht zu sprechen, andere fallen durch sprachliche Stereotypien auf oder benutzen eine eigene Sprache. Nicht zuletzt aufgrund der mangelnden Kommunikationsmöglichkeit kommt es nicht selten zu Selbst- und Fremdverletzungen und im weiteren Verlauf  - ohne entsprechende Hilfsmaßnahmen -  zur stationären Unterbringung.

Die intellektuelle Begabung von Menschen mit Autismus ist sehr unterschiedlich. Sie reicht von geistiger Behinderung bis hin zur normaler, selten überdurchschnittlicher, Intelligenz, wobei einzelne autistische Menschen erstaunliche und manchmal versteckte Leistungen im Bereich des Gedächtnisses, in technischen Disziplinen, in der Musik und auf anderen Gebieten zeigen.

Nach früheren Untersuchungen sind von 10.000 Menschen 4-10 autistisch. Neuere Studien
weisen auf eine wesentlich höhere Prävalenzrate hin. Von der Störung sind Jungen 3-4 mal
häufiger betroffen als Mädchen.

Trotz 50jähriger Forschungstätigkeit gibt es bisher kein allgemein anerkanntes Erklärungsmodell. Nicht zuletzt die sehr unterschiedlichen Erscheinungsformen legen nahe, daß es keine gemeinsamen - alle Kinder gleichermaßen betreffende - Ursachen für die massive Entwicklungsstörung gibt. Nach heutiger Erkenntnis werden allerdings organische Faktoren und genetische Einflüsse besonders hervorgehoben. Diese wiederum werden für die Informations- und Wahrnehmungsverarbeitungsstörung autistischer Kinder verantwortlich gemacht. Der autistische Mensch kann trotz meist intakter Sinnesorgane die zahlreichen Reize aus dem eigenen Körper und dem umgebenden, sozialen Raum zwar aufnehmen, sie aber oft nicht sinnvoll selektieren, miteinander verbinden, wiedererkennen, einordnen und mit bleibender Bedeutung versehen. Das teilweise bizzar anmutende autistische Verhalten kann danach als Versuch des autistischen Menschen interpretiert werden, mit seinen beschränkten Möglichkeiten in einer mehr oder weniger unverstandenen Welt zu überleben.
 

zurück zur Homepage